BEITRÄGE - RESTAURIERUNG

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Festvortrag zur Jubiläungsfeier des Fachbereiches Konservierung/Restaurierung an der FH Erfurt, am 12.11.2004

Dr. St. Winghart / Landeskonservator Thüringen

Restauartoren in der Denkmalpflege

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich habe auf der heutigen Festveranstaltung zur Rolle von Restauratoren in der Denkmalpflege sprechen. Für eine knappe halbe Stunde Redezeit ist das ein weites Feld, zumal wenn man wie ich, Denkmalpflege als eine Gesamtheit versteht und einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Bodendenkmalpflege, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Gartendenkmalpflege, Industriedenkmalpflege usw. usf. nicht erkennen kann. Georg Hager, der erste bayerische Generalkonservator hat dies 1907 folgendermaßen ausgedrückt: „So verschiedenartig die Objekte der organisierten Denkmalpflege sind, so ist ihnen allen doch eine Eigenschaft gemeinsam: Sie sind Zeugen vergangener Perioden und Urkunden der Geschichte. In der Beziehung zur Vergangenheit unterscheiden sie sich nur insofern, als die einen einer näheren, die anderen einer ferneren Vergangenheit angehören. Die Denkmäler jener Perioden der fernen Vergangenheit, die durch schriftliche Quellen nicht oder nicht genügend aufgehellt werden, nennen wir prähistorische, die durch schriftliche Quellen in mehr oder minder helles Licht gesetzten historische.“ /1/ Dem ist nach wie vor wenig hinzuzufügen.

Daß ich zudem alle in der Denkmalpflege Tätigen, also Archäologen, Kunsthistoriker, Architekten, Historiker, Naturwissenschaftler, Vermessungsingenieure, Bauforscher, Juristen und Verwaltungsfachleute, vor allen Dingen aber Restauratoren gleich welcher Spezialisierung, Dendrochronologen und Grabungstechniker als Denkmalpfleger sehe, Trennungen, wie sie der BAT vornimmt, für nicht mehr zeitgemäß und gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Universitätsreform mit Bachelor- und Masterabschlüssen für vollkommen obsolet halte, macht die Sache nicht gerade leichter.

Ich will mich also nicht damit aufhalten, die Bedeutung der einzelnen restauratorischen Spezialisierungen für die jeweiligen denkmalpflegerischen Fachsparten zu paraphrasieren; sie alle kennen diese und sind auch selbstbewußt genug, sich dieser Bedeutung bewußt zu sein. Ich will vielmehr versuchen, die Position der Restaurierung im Gefüge der Denkmalpflege zu umreißen und begründen, warum ich sie für eine Grundfunktion der Denkmalpflege halte.

Die Beschäftigung mit der Denkmalpflege ist ein Kind der Aufklärung und in Deutschland maßgeblich mit der Besinnung auf die Nation im Zuge der Befreiungskriege verbunden. Nicht umsonst trafen sich die Marburger und Jenenser Studenten auf der Wartburg, nicht umsonst wurde das alte Hambacher Schloß als Ort des Rufs nach Nation, Verfassung und Teilhabe gewählt, nicht umsonst kleidete sich der damals Fortschrittliche und Revolutionäre in „altdeutsche Tracht“. Die Denkmale des Mittelalters, des romantisch verklärten, vornehmlich auf das Reich der Staufer und vor allen Dingen Friedrich Barbarossa bezogenen Gegenentwurfs zu der in Duodezstaaten zersplitterten, in Restauration erstarrten Welt des endenden Absolutismus waren ja vorhanden, wenngleich verfallen oder barock überformt. Was lag näher, als sie in idealer, ursprünglicher Form wiederherzustellen, so wie man auch das Reich wiederherzustellen trachtete! Die Entdeckung des Mittelalters in der Literatur ging Hand in Hand mit der Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kunst und Architektur und es ist vor diesem Hintergrund nur logisch, daß es die künstlerische Avantgarde war, die sich mit der Wiederherstellung von Gebäuden und Gemälden befaßte, sicher romantisch- idealistisch und zumindest anfangs noch ohne einen Begriff von Authentizität und Substanz, wie wir ihn heute verstehen. Daß Ludwig II von Bayern Bertel Thorwaldsen, einen der berühmtesten Bildhauer des 19. Jahrhunderts für die Restaurierung des Äginetenfrieses gewinnen konnte, daß der Maler Moritz von Schwind die Ausgestaltung der Wartburg im Stile der deutschen Romantik vornahm, mag hier nur als Beispiel für viele gelten. Letztlich sind alle Neo-Stile, insbesondere die Neuromanik und die Neugotik auf diese gesellschaftliche Grundstimmung zurückzuführen.

Die von Anfang an sichtbare Leitlinie der Wiederherstellung als eigentlich raison d´etre der wissenschaftlich betriebenen Denkmalpflege blieb während des gesamten 19. Jahrhunderts sichtbar, begann aber erst ihre heutige Gestalt anzunehmen, als Georg Dehio und Alois Riegl vor nahezu 100 Jahren der Begriff der Substanz einführten. Dehios bekanntes Schlagwort „konservieren – nicht restaurieren“ beschreibt den Paradigmenwechsel von einer interpretierenden, auf die Wiederherstellung eines als ideal empfundenen Denkmalbegriffes hin gerichteten Restaurierung zu einem Verständnis des Denkmals als vorläufigem Endpunkt eines andauernden Prozesses, ein Verständnis, das auch heute noch den Grundstock der modernen Denkmalpflege bildet. Ich brauche nicht gesondert zu betonen, daß die Dehio unter „Restaurierung“ nicht diejenige unseres heutigen Verständnisses subsumierte, sondern eben die Tradition des 19. Jahrhunderts, die im buchstäblichen Sinne des Wortes auf die Wiederherstellung vermeintlich originärer Zustände abzielte. Dehio, der als Historiker Bauten und Kunstwerke vornehmlich als Geschichtsquellen begriff, folgte hier letztlich der Vorgabe Leopold von Rankes, der von der Geschichtswissenschaft gefordert hatte, „sie solle zeigen, wie es gewesen sei“ und sich damit programmatisch von der Historiographie in der Tradition des 18. Jahrhunderts abgesetzt hatte. Auch Dehios Wortwahl war selbstverständlich Programm: Sie beschreibt eine wissenschaftliche Selbstsicht, in der die im modernen Sinne restauratorische und konservatorische Erforschung des gewachsenen Zustandes eine conditio sine qua non darstellt. Nicht von ungefähr ist „Konservator“ bis heute die Amtsbezeichnung des staatlichen Denkmalpflegers schlechthin.

Gleichzeitig markiert dieses Grundverständnis den Beginn der Entwicklung einer naturwissenschaftlichen Komponente der Restaurierung: Will man einen Zustand bewahren, hat man seine Geschichte zu erkunden und Wege zu seiner Konservierung zu konzipieren. Im allgemeinen gelingt dies nicht mit den Mitteln der Geisteswissenschaften, sondern mit jenen der Chemie, der Physik, der Mineralogie etc.

Die unterschiedliche Ausprägung des enklitischen Verhältnisses zu den exakten Wissenschaften bestimmte die weitere Entwicklung der Restaurierung in der Denkmalpflege im 20. Jahrhundert. In den alten Bundesländern wo der künstlerisch orientierte akademische Restaurator bis in die Siebzigerjahre in den Denkmalämtern präsent war, dauerte der Weg von der künstlerisch-handwerklichen Prägung hin zur wissenschaftlichen Ausbildung länger als anderswo. Immerhin führte die zunehmende Notwendigkeit zur Einbeziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Entwicklung zentraler Labors innerhalb und außerhalb der Ämter. Aus vielerlei Gründen unterblieb jedoch eine Integration in das Ausbildungsprogramm der Universitäten, anders als etwa in der Schweiz oder in Großbritannien und Italien, wohin es in den Achtzigerjahren viele der hochqualifizierten westdeutschen Restauratoren zog. Auch in der DDR begann man wesentlich früher, die Ausbildung auf ein universitäres Niveau zu heben und letztlich ist es dieses Modell, das in der vereinigten Bundesrepublik den Weg weist. 1966, fünfzehn Jahre bevor die Akademie in Stuttgart ihren Betrieb aufnahm, wurde an Kunsthochschule Berlin-Weißensee der Studiengang Restaurierung eingerichtet.

Erst in den Neunzigerjahren unter dem Druck der durch die Wiedervereinigung gegebenen Tatsachen, begannen auch die alten Länder flächendeckend dieses Defizit zu beseitigen und eine Verwissenschaftlichung der Restaurierung zu betreiben. Ich erwähne hier als vorläufig jüngstes Beispiel die Technische Universität München und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, wo 1998 ein Lehrstuhl für Restaurierungswissenschaften und Konservierungstechnologie geschaffen wurde, dessen theoretische Ausbildung in der Universität, die praktische hingegen in den Werkstätten des Amtes installiert ist.

Demgegenüber hat die Restauratorenausbildung in der Archäologie bundesweit noch erheblichen Nachholbedarf, was aus der speziellen Forschungsgeschichte des Faches zu erklären ist. Ebenso wie die Bau- und Kunstdenkmalpflege, wenngleich etwas später entstand auch die archäologische Denkmalpflege aus praktischer Betätigung von Amateuren und Laien, aus nationalbegeisterter Beschäftigung gelehrter Vereinigungen mit „vaterländischen Altertümern“ und, es ist dies auch heute kein unbekanntes Phänomen, alsbald rümpfte die theoretisch betriebene Wissenschaft die Nase ob der unstandesgemäßen neuen Verwandtschaft. Theodor Mommsen etwa konnte sich Prähistorie, Ur- und Frühgeschichte nur als Randbereich der Altertumswissenschaft, als Marginalie der historischen Beschäftigung mit mediterraner Hochkultur vorstellen, was er in dem Satz, die Vorgeschichtsforschung sei eine „leichtgewichtige Wissenschaft, für deren Ausübung man weder Griechisch und Latein benötige, so recht ein Gebiet für Landpastoren und pensionierte Offiziere“ /2/ zusammenfaßte, Rudolf Virchow dagegen schien sie nur als naturwissenschaftliche Disziplin existenzberechtigt, als Aequivalent vor allen Dingen zu Anthropologie und Ethnologie. Die Auseinandersetzung verhinderte über längere Zeit die Etablierung der Ur- und Frühgeschichte im Lehr- und Forschungsbetrieb der Universität, so daß erst 1928 der erste ordentliche Lehrstuhl in Marburg eingerichtet wurde.

Da zu diesem Zeitpunkt Urgeschichtsmuseen seit mehr als 70 Jahren und archäologische Denkmalpflege seit mehr als 30 Jahren existierten, verstand es sich, dass Gero von Merhart als erster ordentlicher Professor für Vor- und Frühgeschichte die enge Verbindung mit der praktisch ausgeübten prähistorischen Archäologie als Programm sah, was er folgendermaßen formulierte: „Professur und Seminar haben, das versteht sich von selbst, zu ihrem Teil an der Herausbildung unseres Nachwuchses und unserer Helfer zu arbeiten. Die beruflichen Anforderungen, die an einen jungen Doctor gestellt werden, sind schon recht mannigfach. Rein wissenschaftliche Forschung, Museumsarbeit, Grabungen, die notwendigste Beherrschung der Werkstattechnik, Denkmalpflege, systematische Landesaufnahme verlangen durchaus eigene Vorbereitung und nicht jede Hochschule vermag für jede dieser Sparten spezialisierte Lehrer oder auch nur Übungsmöglichkeiten zu stellen.“/3/

Merhart begriff entsprechend den Auffassungen seiner Zeit Grabungstechnik und Restaurierung, die er als Werkstattechnik bezeichnet, als Teil der Wissenschaft; er subsumiert den gesamten Komplex unter die Aufgaben des Archäologen, der dabei von Hilfskräften unterstützt wird.

Nun haben sich Restaurierung und Grabungskunde aufgrund des enormen technischen Fortschritts insbesondere der letzten 30 Jahre zu eigenen, spezialisierten Fachsparten entwickelt. Aus den einstigen Hilfsberufen des Präparators und des Werkmeisters, wie Restauratoren und Grabungstechniker bis in die Fünfzigerjahre bezeichnet wurden, sind eigene Professionen geworden, deren Grundvoraussetzungen und Techniken notwendig ein eigenes Studium erfordern. Dies macht die Situation vertrackt, denn nach wie vor nimmt die herkömmliche Universitätswissenschaft dies ebenso wie der Bundesangestelltentarif nur zögernd zur Kenntnis nehmen und hält in Teilen, - insoweit immer noch der alten Merhart´schen Sichtweise verhaftet-, hartnäckig an der Vorstellung vom Archäologen, der Restaurierung und Grabungstechnik zumindest grundlegend beherrscht und dem ihm nachgeordneten, ausführenden Handwerker fest.

Dies hat Folgen. Die an den Universitäten betriebene Wissenschaft hat sich in vieler Hinsicht von der Entwicklung der grabungstechnischen und restauratorischen Fachsparten entfernt und kann den Beitrag, den moderne Restaurierung und Grabungstechnik zur wissenschaftlichen Erkenntnis liefern, vielfach nicht richtig ermessen. Ausgehend von einer der Wirklichkeit nicht mehr entsprechenden Vorstellung vom Arbeitsfeld, verschließt man sich der Emanzipation der wissenschaftlich betriebenen Restaurierung und Grabungstechnik und verkennt den Anteil, den diese an der Erschließung und vor allen Dingen der Interpretation des Quellenmaterials leisten, mit dem der Archäologe schließlich arbeitet.

In der Praxis der Bau- und Kunstdenkmalpflege in der Bundesrepublik Deutschland sind die Restaurierungsabteilungen und Zentrallabore inzwischen zu einem bestimmenden Teil der Praxis geworden. Die Abstimmung der Vorgaben und Möglichkeiten, die Erstellung der inventarisatorischen wie praktischen Anforderungen, die Anwesenheit von Konservator und Restaurator auf Ortsterminen ist inzwischen so selbstverständlich, wie es das richtige Verständnis des Aufgabenstellung gebietet und selbst die Einstufung im BAT, diesem Fossil in der fossilen Landschaftsstruktur des öffentlichen Dienstes in Deutschland ist inzwischen der längst überfälligen Erkenntnis gefolgt, daß gleiche Verantwortung auch gleiche Einstufung bedeuten sollte. Daß im Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege der Leiter der zentralen Abteilung für überregionale Aufgaben, zu der auch die Restaurierung gehört ein Restaurator ist und im übrigen auch mein Stellvertreter, mag zeigen, welche Bedeutung ich diesem Zweig der Denkmalpflege zumesse.

In den archäologischen Abteilungen der Ämter bzw. in den selbständigen archäologischen Landesämtern herrscht hier meines Erachtens noch erheblicher Nachholbedarf. Erfreulicherweise nimmt Thüringen hier eine Vorreiterrolle ein: Nach wie vor ist zwar die FHTW Berlin die einzige Ausbildungsstätte mit Hochschulabschluß für Vorgeschichtsrestauratoren und Grabungstechniker, doch hier in Erfurt wird mit der engen Koppelung der universitären Ausbildung und den Werkstätten des Landesamtes für Archäologie in Weimar ein gleichwertiger Weg beschritten. Auch im altehrwürdigen Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der ersten Ausbildungsstätte für Vor- und Frühgeschichtrestauratoren in der alten Bundesrepublik wird mit dem Sommersemester 2005 im Zusammenwirken mit dem Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte ein Studiengang mit Bachelor-Abschluss aus der Taufe gehoben. Auch hier ist also einiges im Fluß.

Die Hochschulausbildung der Restauratoren ist somit unbestritten eine durch die aktuellen Anforderungen bedingte Notwendigkeit. Wie also definieren wir, ausgehend von dieser Erkenntnis, die Rolle des Restaurators, der inzwischen ebensowenig wie der Denkmalpfleger Wiederhersteller von Urzuständen ist, in der modernen Denkmalpflege?

Sinn und Zweck der Denkmalpflege im 20. und 21. Jahrhundert ist es, wie dies das Thüringische Denkmalschutzgesetz und sinngemäß ebenso alle anderen Gesetze der Bundesrepublik vorgeben, Kulturdenkmale als Quellen und Zeugnisse menschlicher Geschichte zu schützen und zu erhalten. Wir sind uns einig, daß damit nicht die äußere Form oder ein irgendwie angenähertes Erscheinungsbild gemeint ist, sondern die Gesamtheit der geschichtlichen Spuren, die sich am Monument manifestieren. Dabei ist klar, daß auch der Zustand zur Zeit der denkmalpflegerischen Beurteilung nur ein flüchtiger ist und Schutz nicht gleichbedeutend mit Unveränderbarkeit oder gar ewigem Bestand sein kann. Daß die Baukunst die Baukunst zerstört, um noch einmal Georg Dehio zu bemühen, ist, wie auch der altböse Feind Mephisto wußte, ein unabänderliches Gesetz : „Denn alles was besteht, ist wert, daß es zugrunde gehe“, belehrt er Faust im ersten Akt der Tragödie. Denkmalpflege wie wir sie heute verstehen, kann denn auch nicht die Bewahrung eines zu einem zufälligen Zeitpunkt eingetretenen Zustandes sein, sondern vielmehr die Erforschung desselben und gestützt auf die Ergebnisse dieser Forschung die Gestaltung des Fortganges in der Tradition aller bisher am Bauwerk wirkenden Künstler. Zum einen ist es dieses Verständnis, das die Rolle des Restaurators in der Denkmalpflege bestimmt, zum anderen ist es die enge Verzahnung mit den Naturwissenschaften, die der Restaurierung die Rolle eines Transmissionsriemen zwischen Geistes- und Naturwissenschaft zuteilt.

Einer der Schlüsselbegriffe der modernen Denkmalpflege ist der der Authentizität. Er ist von dem griechischen Wort autos abgeleitet, das schlicht „selbst“ bedeutet und bezeichnet letztlich das, was wir als echt und wahr, als das eigentliche Wesen eines Denkmals begreifen. In einem historischen Denkmalbegriff bedeutet dies die holistische Würdigung als Wirkungszusammenhang und historische Quelle. Der Quellenwert eines Denkmals beginnt ja nicht mit seiner Eintragung in das Denkmalbuch und ich bin froh, daß die Novellierung des Thüringer Denkmalschutzgesetzes von 2004 mit dem Festhalten am deklaratorischen Prinzip dem Rechnung getragen hat. Bereits in den Bau eines Hauses, in die Wahl der Materialien, in die Grundierung eines Tafelgemäldes, in die Wahl und die Ablagerung des Holzes für einen spätgotischen Flügelaltar, in den Guß eines bronzezeitlichen Vollgriffschwertes und in den Bau einer eisenzeitlichen Befestigung usw. usf. fließen die Erfahrungen ungezählter Generationen von Handwerkern. Wird der Zusammenhang zwischen Tradition, Funktion, Material und Ausführung durchbrochen, leidet nicht nur die äußere und innere Gestalt, es wird vielmehr die Aussage des Denkmals verfälscht, das als Quelle, abhängig von der Schwere des Eingriffs, zunehmend unlesbar wird. Es ist die Kunst und die Wissenschaft der Restauratoren, die uns das antike Wirkungsgefüge erschließt und die handwerklichen und materialkundlichen Charakteristika einzelnen Zeitschichten benennt. .

Die Restaurierungswissenschaften und die Konservierungstechnologie haben der Denkmalpflege eine unübersehbare Fülle von Erkenntnissen beschert. Wiewohl der technische Fortschritt ein gewaltiger ist, dürfte hier das theoretische Potential nach meiner Ansicht noch kaum angekratzt sein: Das Schwergewicht liegt dabei längst nicht mehr nur in der Wiederherstellung von Objekten sondern in der Bergungs- und Erhaltungstechnik, in der Definition von Lager- und Erhaltungsbedingungen, in der Analyse von Schadbildern und Korrosionsprozessen, in der Materialanalytik, -metrik und -entwicklung und auch in der antiken Technik- und Handwerksgeschichte, die entsprechend der historischen Ausrichtung der Denkmalpflege ein eigenes, noch viel zu wenig ausgeschöpftes Quellenreservoir bildet.

Die Interpretation und kulturgeschichtliche Einordnung dieser Quellen wird es in jedem Falle weiter in der Kompetenz des Fachwissenschaftlers liegen, für die Grundlagen, die Aufbereitung der Quellen und die Eröffnung der möglichen Fragestellung wird dieser jedoch nicht auf die andersgeartete, aber gleichwertige Kompetenz des Kollegen aus Naturwissenschaft und Restaurierung verzichten können. Denkmalpflege lebt von dieser Dialektik und vor diesem Hintergrund können Kunsthistoriker, Archäologen, Architekten und Restauratoren nicht in einer Hierarchie verbunden sein, sondern nur im Nebeneinander. Sie stellen gewissermaßen die zwei Seiten einer Medaille dar.

Ich habe im Vorhergehenden den Weg skizziert, den Restaurierung und Konservierung von einer künstlerisch-handwerklichen hin zu einer Tätigkeit, deren Ausbildungsgang an eine Hochschule gebunden ist, genommen haben bzw gerade nehmen. Die zunehmende Verlagerung der Ausbildung auf Universitäten und Fachhochschulen, so begrüßenswert und notwendig sie ist, beinhaltet jedoch für die Denkmalpflege ein Problem: Da gut ausgebildete Restauratoren auf dem freien Markt zur Verfügung stehen, baut die öffentliche Hand ebenso zunehmend ihre eigenen Werkstätten und Ateliers ab und setzt, ganz entsprechend dem Trend in der Wirtschaft auf Outsourcing. Dieser Trend ist klar sichtbar und nach meiner Auffassung auch nicht reversibel, so daß die Gefahr besteht, daß die Denkmalpflege in der Ausbildung von Restauratoren mehr und mehr marginalisiert wird.

Da dies weder im Interesse der Denkmalpflege noch der Hochschulen liegen kann, scheint mir der Weg der institutionalisierten Kooperation zwingend vorgegeben. Die Lehre an Hochschulen, die praktische Ausführung in der Denkmalpflege, die Grundlagenforschung in bei beiden und in von beiden Instituten ist mit Sicherheit der richtige Weg. Es ist der Weg, den wir in Thüringen beschritten haben und auf dem wir weiter fortfahren wollen.

Wir tun dies nicht gezwungenermaßen, sondern gerne. Die Fachhochschule Erfurt hat sich, wie andere Fachhochschulen auch, den englischen Zweittitel „University of applied sciences“, Hochschule der angewandten Wissenschaften gegeben. Die Anwendung, die praktische Orientierung ist ihr Markenzeichen und so kann es für den Fachbereich Konservierung/Restaurierung keinen besseren Partner geben als die angewandte Kunstgeschichts-, Architektur- und Altertumswissenschaft, eben die Denkmalpflege. Umgekehrt gilt dies selbstverständlich genauso. Ich meine also, es wäre an der Zeit, die Kooperationsvereinbarung zwischen dem Studiengang Restaurierung und Konservierung und dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege, der vor einigen Jahren ausgelaufen ist und dessen Neufassung vorliegt, zu unterzeichnen und mit neuem Leben zu erfüllen. Ich freue mich auf weiter gute und hoffentlich immerwährend bessere Zusammenarbeit.

Dr. St. Winghart Erfurt im November 2004

/1/ Georg Hager, Neurganisation des Kgl. Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns (29. Juni 1907). Zitiert nach: 75 Jahre Bayer. Landesamt für Denkmalpflege. Arbeitshefte Bayer. Landesamt für Denkmalpflege 18 (München 1983) 41.

/2/ Ernst Wahle, Deutsche Vorgeschichtsforschung und klassische Altertumswissenschaft; in: Deutsches Bildungswesen 10, 1935, 5.

/3/ G.v.Merhart, Der neue Lehrstuhl für Prähistorie an der Universität Marburg. Nachrichtenbl. f. dtsche. Vorzeit 4 H.9, 1928, 148 ff.