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hierarchische, phänomenologische Systematik

type of damage

extent of damage


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MEDISTONE  Glossary on stone deterioration patterns

Im Rahmen des „Sixth Framework Programme“ der Europäischen Union war es uns als Partner des Projektes „Medistone“ möglich, über drei Jahre hinweg intensiv mit der Problematik befassen zu können.
Die Aufgabenstellung bestand im Besonderen darin, eine Erfassungsmethode für Schäden an Natursteinobjekten zu entwickeln, die sich generell auf ausgewählte Objekte im nordafrikanischen Mittelmeerraum anwenden lässt und für die Kollegen in Ägypten, Marokko und Algerien eine Grundlage für die Fortführung der Erfassung bilden soll. Mit dem Wissen um die Problematik von Standardisierung in der Denkmalpflege erschien das Ziel sehr hoch gesteckt.
Zunächst begann das Sammeln der Informationen über die auftretenden Schäden rein phänomenologisch. Schnell wurde klar: Um Analogien finden zu können, bedarf es einer strengen Ordnung und Hierarchisierung der Phänomene. Grundvorrausetzung hierfür war wiederum eine einheitliche Terminologie. Aus der  Erfahrung wissen wir, dass Termini in der Denkmalpflege oft nicht systematisch und logisch hergeleitet sind und manchmal recht skurrile Wortschöpfungen auftreten. Was uns im Muttersprachlichen zuweilen noch ein Lächeln abringt, nimmt -wie könnte es auch anders sein- im internationalen Erfahrungsaustausch schon bedenkliche Ausmaße an.

Wer immer sich mit der Definition von Schadbildern kritisch auseinandersetzt, wird früher oder später merken, dass es grundsätzlich einer Ordnung bedarf, welche eine eindeutige Klassifizierung gestattet. Viele diesbezügliche Ansätze gibt es bereits. Das jüngst entstandene ISCS („Illustrated glossary on stone deterioration patterns /ICOMOS“/1/) ist hier hinzuzuzählen und stellt eines der guten Beispiele dar. Wie bei vielen anderen Glossaren fließt jedoch in die Beschreibung der Schadbilder auch hier zuweilen Interpretation zu deren Genese mit ein. Da fast alle Glossare so aufgebaut sind, wird der Konsens immer wieder durch gleiche falsche Argumente geschützt. Aus der Sicht der Autoren ist dies zwar nachvollziehbar, schränkt ein solches System aber entschieden ein. Ein scheinbar intelligentes System erstarrt deshalb, weil es aus mehreren Perspektiven betrachtet wird.
Wir versuchten die Perspektive auf eine einzige zu beschränken, und damit ein Erfassungssystem zu erarbeiten, welches sich der strikten phänomenologischen Betrachtungsweise widmet.   
Nach dem Sammeln von Informationen an und über die im „Medistone“- Projekt bearbeiteten Objekte begann zunächst das Aufstellen einer hierarchischen Ordnung. Zuerst musste unterschieden werden zwischen Qualität und Quantität, also zwischen Schadtyp und Schadumfang. Der qualitativen Hauptordnung folgen die Untergruppen wie „Auflagerungen“, „visuelle Oberflächenveränderungen“, „Materialzerstörung“ usw.. Je nach zu beschreibendem Schadphänomen lassen sich zahlreiche weitere Untergruppen bilden.

Mit dem Wissen um die Genese und die Komplexität der Schadbilder fiel es zugegebenermaßen schwer, die rein phänomenologische Betrachtung strikt einzuhalten. Am Ende wurde jedoch deutlich, dass eben nur dies zum erklärten Ziel führen konnte und die Basis für die Kartierung bildete.  
Viele Schadbilder lassen sich phänomenologisch eindeutig klassifizieren, einige jedoch setzen spezielle Kenntnisse oder umfangreiche Erfahrungen voraus. Auch diesem Umstand muss das Erfassungssystem gerecht werden, damit trotz fehlender Kenntnis oder Erfahrung die Erfassung zu einem verwertbaren Ergebnis führt.
Das hierarchische System erlaubt beispielsweise die Klassifizierung einer „oberflächenparallelen, einlagigen Abschalung“.  Das Schadbild wird im Glossar in Art und Dimension genau definiert. Ist dieses bei der Objekterfassung phänomenologisch nicht genau ermittelbar, bleibt z.B. die Erfassung in der Überkategorie als „Abschalung“ möglich. Und wenn die Umstände bei der Erfassung selbst dies nicht zulassen, verbliebe die Deklaration in der erneut übergeordneten Kategorie „Steinzerfall in Schichten bzw. Lagen“. Das Ergebnis der Erfassung kann somit nie falsch sein, sondern lediglich unpräzise.

Gleichem Denkansatz folgt die Kartierung als graphische Erfassungsmethode. Die hierarchische Ordnung des Glossars wird auf das graphische System übertragen. Wie bereits vorausgegangen beschrieben, muss ein Kartierungsschema bestimmte Vorraussetzungen genau erfüllen. Wir nutzen für unser Schema eine Idee, die bereits in den 1980iger Jahren vom damaligen Institut für Denkmalpflege / Arbeitsstelle Erfurt entstand. Aus dem Anspruch geboren, dass Kartierungen u.a. bei damals eingeschränkten Möglichkeiten einfach vervielfältigt werden können, entstand seinerzeit ein Schraffurmuster-Schema. Dieses folgt einer graphischen hierarchischen Ordnung und erschien uns heute deshalb besonders geeignet, so dass wir Bewährtes übernahmen, erweiterten und in neue Medien überführten. Das relativ einfache aber wohl durchdachte Schema bot sich auch deshalb an, da auf Farben gegebenenfalls ganz verzichtet werden kann und es sich deshalb hervorragend für die „Feldarbeit“ eignet. Es lässt sich mit digitaler Technik als auch konventionell händisch anwenden.  Die Vorteile, welche aus den in den 1980iger Jahren notgeborenen Anforderungen resultierten, erweisen sich auch heute noch von Bestand – besonders eingedenk dessen, dass eben nicht alle Berufskollegen in allen Ländern über die uns verfügbare digitale Technik verfügen oder uneingeschränkt auf Dienste von Printshops zugreifen können.

Für die im Rahmen des „Medistone“-Projektes erfassten Natursteinobjekte dreier Ensemble – unterschiedlicher Provenienz, mit verschiedenen Materien und Zuständen – war nach Erarbeitung des einheitlichen Glossars auch ein einheitliches Kartierungsformat angestrebt.
Die einzusetzenden Schraffuren sind in ihren grafischen Eigenschaften vom hierarchisch geordneten Glossar abgeleitet worden. In Linienart, Richtung und Musterung unterschiedliche Schraffuren lassen eine Differenzierbarkeit schon ohne Farbgebung zu, diese kann dann als zusätzliches Ordnungsmittel eingesetzt werden.
Die semantische Genauigkeit hatte Priorität, der unmittelbare Vergleich der Pläne untereinander wurde damit ermöglicht. Gleichzeitig birgt solche Vereinheitlichung Nachteile. Beim Layout eines Einzelplanes kann durch gezielten Einsatz der grafischen Mittel immer auf die vorliegende Informationsdichte unmittelbar reagiert werden – die Schadbilder müssen auch im kleinsten Einzelbereich sowie bei schwierigen Überlagerungen eindeutig erkennbar sein. Sobald aber eine gewisse Standardisierung der grafischen Mittel erfolgt, muss die Einbuße der Lesbarkeit im Detail kontrolliert werden!

© pons asini

/1/ http://www.international.icomos.org/publications/monuments_and_sites/15/index.htm