REFERENZEN - BAUFORSCHUNG

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Ehemalige Augustiner-Stiftskirche St. Marien, Altenburg

vulgo: Rote Spitzen

Die „Rote Spitzen“ sind Wahrzeichen der Stadt Altenburg. Es handelt sich um die beiden Westtürme der ehemaligen Augustiner-Stiftskirche St. Marien. Neben der Doppelturmanlage sind Teile des Mittelschiffes der einstigen Kirche verbaut erhalten, darüber hinaus Mauerreste weiterer Gebäudeteile.

Aufgrund akuter Schäden an Dachwerken und Mauern wird seit 2005 die denkmalgerechte Instandsetzung des Kulturdenkmals im Rahmen des Denkmalpflegeprogramms „National wertvolle Kulturdenkmäler“ geplant und durchgeführt, gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Finanzierung setzt sich aus städtischen, Landes- und Bundesmitteln zusammen.

Mit der Planung und den damit verbundenen Bestands- und Zustandsuntersuchungen wurde pons asini betraut, die Arbeiten werden durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sowie die Untere Denkmalschutzbehörde Altenburg betreut.

Im Zuge der Vorplanung für die Instandsetzung der Türme wurde eine erste Zustandserfassung aller Fassaden und Innenräume durchgeführt. Die Konzeption für die anstehenden Maßnahmen an den Turmfassaden war mit der Erstellung von Musterflächen verbunden, die naturwissenschaftliche Begleitung übernahm das Institut für Steinkonservierung.

Baugrunduntersuchungen, baustatische und holzschutztechnische Gutachten haben Fachbüros übernommen.

Daneben erfolgen archäologische Untersuchungen unterirdischer Befunde durch die Stadtarchäologie Altenburg in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Grabungsleitung hat Dr. Uwe Moos.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Archäologen, Restauratoren/ Bauforschern und Planern sowie die Einbeziehung der Nachbarwissenschaften wie der Anthropologie und Kunstgeschichte sind Bestandteil des interdisziplinären Gesamtprojekts.

Über das mittelalterliche Stift und die Kirche St. Marien liegen nur wenige baugeschichtliche Eckdaten vor. Die Gründung des Stifts soll 1165, die Weihe der Kirche 1172 in Anwesenheit des Kaisers Friedrich I. Barbarossa vorgenommen worden sein. Die betreffenden Urkunden haben sich allerdings als Fälschungen erwiesen. Im Jahr 1306 wurde dem Stift zur Erbauung eines Kreuzganges ein Steinbruch bei Pähnitz übereignet. Durch eine dendrochronologische Beprobung im Jahr 2005 (durch Büro für Bauforschung Scherf-Bolze-Ludwig) wissen wir, dass die heutigen Dachstühle der Türme von St. Marien (bzw. Bauteile davon) um 1336 datieren. 1543 wurde das Stift aufgelöst und seine Besitzungen verteilt. Eine Stadtansicht von Altenburg um 1600 zeigt ein bereits verfallenes Kirchenschiff. Das Westturmwerk war hingegen kaum zerstört. Hier wurde 1665 eine Schule eingerichtet, ab 1685 dienten die Türme etwa 200 Jahre lang als Gefängnis, danach als Archiv. 1871-1873 sind unter dem Architekten Sprenger umfassende Sanierungsarbeiten am Westturmwerk durchgeführt worden.

Hierbei wurde angestrebt, die Bausubstanz in den angenommenen Ursprungszustand zurück zu versetzen. Dies beinhaltete vor allem den Rückbau der Fensteröffnungen und des Verbindungsbaues zwischen den beiden Türmen sowie die Entfernung jüngerer Einbauten in den Innenräumen des Turmwerkes.

Beginnend mit dem 17. Jahrhundert erfuhr das alte Kirchenschiff einige Umbaumaßnahmen. 1669 - 1671 wurde hier ein Witwen- und Waisenhaus eingerichtet, das die Breite des einstigen Mittelschiffes einnahm und von der Ausdehnung her bis zu den westlichen Vierungspfeilern reichte. Bereits im Jahr 1717 erfolgte ein Ausbau dieses Hauses, der im Wesentlichen die gesamte Länge des alten Kirchenschiffs einnahm. Nach einem Brand im Jahr 1810 wurde das Gebäude wieder aufgebaut, es diente jetzt als Zucht- und Arbeitshaus. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im Osten noch ein Anbau aus Fachwerk. Dies entspricht im Wesentlichen dem Bauzustand von heute.

Die Erforschung der erhaltenen aufgehenden Substanz beinhaltete zuerst eine umfassende Quellenrecherche sowie die maßliche Aufnahme des gesamten Objektes. Anschließend war durch eine detaillierte Gesamterfassung der historisch gewachsene Bestand zu identifizieren und Kernbereiche festzulegen, in denen sondierende invasive Untersuchungen durchgeführt wurden, um möglichst umfassenden Aufschluss über Umfang und Qualität der erhaltenen Bausubstanz zu gewinnen.

Zunächst ist festzuhalten, dass die äußeren und inneren Wandflächen des romanischen Kirchenbaus ursprünglich durchweg ziegelsichtig standen. Es erfolgte keinerlei abschließende Überschlämmung oder Einfärbung der Ziegeloberflächen, wie sie für die Backsteingotik vielfach belegt ist. An den Fassaden befinden sich an Friesen und Fenstern zur zusätzlichen Verzierung Natursteinelemente und Teilputzflächen. Auch am Hauptportal wurden Säulen und Archivolten, Sturzbalken und vermutlich das heute verlorene Tympanon aus Sandstein gefertigt, die Stufenrahmung ist in einem Wechsel aus Sandsteinquadern und Ziegelmauerwerk gestaltet. Im Langhaus bestehen die Pfeilerbasen und –kämpfer aus Sandstein, die Laibungsflächen der Mittelschiffarkaturen erhielten Teilverputzungen.

Für sämtliche Mauerkanten und Öffnungsrahmungen an den Fassaden sowie für die Portalwand und alle Langhauspfeiler wurden Ziegelsteine verwendet, deren Oberflächen eine diagonal geführte Linearschraffur aufweisen. Diese Muster sind offenbar in die noch nicht gebrannten Ziegel mit einem spitzen Werkzeug oder Holzstab eingeritzt worden.

Zumindest an den Innenwänden wurden alle Fugen mit einem rot eingefärbten Verfugmörtel ausgeführt. Materialanalysen stehen hierzu noch aus.

Die Langhausmauern sind dreischalig aufgebaut. Zwischen den äußeren, sauber versetzten Ziegelsteinschalen liegt eine Füllschicht aus Ziegeln und Porphyrbruchsteinen. Hingegen bestehen die Turmmauern durchweg aus Ziegelmauerwerk.

Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen der Baustrukturen dargestellt werden.

An den Fassaden des im 19. Jahrhundert reromanisierten Westturmwerkes erwiesen sich zwar alle Fenstersäulen und viele Bogenfriese rekonstruiert und auch die Westfassade des zwischen dem Turmpaar liegenden Mittelbaus vollständig neu errichtet, doch sind noch insgesamt mehr als 75% der Fassadenflächen ursprünglich.

Wie sich herausstellte, blieb im Tonnengewölbe der westlich vor dem Hauptportal liegenden Halle noch offenbar bauzeitlicher Putz mit Malereiresten (Heiligendarstellungen) bewahrt.

Ein im Untergeschoss des Südturmes liegender, bisher kaum beachteter Gewölberaum diente ursprünglich als Kapelle, die damals nur von Süden, also von außen her erschlossen werden konnte. Hier befindet sich eine vermauerte Apsis, die verputzt und ausgemalt war. Die Sondierungen ergaben, dass sich hier noch umfassende Reste einer Majestas-Domini-Darstellung befinden, großteils noch von der Ausmauerung des 17. oder 18. Jahrhunderts verdeckt.

Über der Eingangshalle befand sich einst eine Westempore. Der Befund lässt annehmen, dass diese sich in zwei Rundbogenarkaden ins Mittelschiff öffnete. Hier sind weitere Untersuchungen zur Klärung notwendig. Zugänglich war diese Empore durch den Südturm, an dessen Südfassade sich noch heute in etwa 12 Metern Höhe eine große, vermauerte Rundbogenöffnung befindet. Hier dürfte eine Brücke die Verbindung zu einem südlich anschließenden Bau gebildet haben.

Vom Langhaus der Stiftskirche ist weit mehr erhalten, als bislang angenommen wurde und zu hoffen war. Die vier westlichen Mittelschiffsarkaturen sind beidseitig noch fast vollständig vorhanden. Sondierungen legen nahe, dass in den zugesetzten Interkolumnen die bauplastischen Dekors wie Ziegelkapitelle, Sandsteinbasen und sandsteinerne Kämpferprofile in bestem Zustand erhalten geblieben sind. In den Arkaturlaibungen haben sogar die hier vermutlich ursprünglich angebrachten Teilputzflächen überdauert, Malereibefunde stehen noch aus.

Die Obergadenzone ist im Westteil des Hochschiffes noch bis zum ersten Obergadenfenster nahezu vollständig erhalten, weiter östlich nur noch in niederer Höhe. Während die nordseitige Seitenschiffswand nicht mehr existiert, steht von der südlichen noch ein erheblicher Teil der äußeren Mauerwerksschale. Hier sind auch noch heute Reste der sandsteinernen Gewölbeanfänger des Kreuzganges des 14. Jahrhunderts sichtbar.

Für Hoch- und Seitenschiffe ist die bauzeitliche, planmäßige Anlage einer Kreuzwölbung nachweisbar. Zumindest für die Seitenschiffe kann jedoch festgestellt werden, dass eine massive Wölbung zwar vorbereitet, doch mit großer Wahrscheinlichkeit nie ausgeführt wurde. Auch für die Realisierung des Mittelschiffsgewölbes fehlt bislang jeder Beweis.

Diese bisher vorliegenden Ergebnisse bilden die Grundlage für Entscheidungen für den weiteren Umgang mit der Substanz. Eine wenigstens teilweise öffentliche Zugänglichkeit und entsprechende Präsentation der vorhandenen historischen Baustrukturen und Befunde wird angestrebt. Die Untersuchungen werden mit Beginn der Sanierungsmaßnahmen baubegleitend fortgesetzt.


Literatur:

Büro für Bauforschung Scherf-Bolze-Ludwig: Bauhistorische Dokumentation der Turmdachwerke an der ehemaligen Stiftskirche St. Marien „Rote Spitzen“ in 04600 Altenburg. n.veröfftl., 2005

Hase, E.: Die Roten Spitzen. Sachsen-Altenburgischer Geschichts- und Hauskalender 1866, 52-59.

Höckner, Hans: Die Ausgrabungen bei den Roten Spitzen. In: 750 Jahre Barbarossa-Stadt-Altenburg,1935, S.32-34

Höckner, Hans: Die Roten Spitzen / Eine baugeschichtliche Betrachtung. In: Altenburger Heimatblätter, 5. Jahrgang, Nr. 12, 1936, S.89-96

Krause, H. J.: Ein übersehener Backsteinbau der Romanik in Mitteldeutschland. Festschrift Johannes Jahn. Leipzig 1958, 89-99.

Möller, R.: Die Westtürme der ehemaligen Augustinerchorherren – Stiftskirche zu Altenburg – Bemerkungen zu Baumaterial, dessen Oberflächengestaltung und Wirkung. Altenburger Geschichtsblätter 7, 1990.

Patze, H.: Altenburger Urkundenbuch. 976-1350. Veröffentlichungen der thüringischen historischen Kommission V. Jena 1955.

Schneider, Karl: Die Roten Spitzen. In: Sachsen - Altenburgischer Hauskalender 1928, S. 116-120

Schwarz, Alberto: Die „Roten Spitzen“ im Altenburger Stadtbild.
In: Kulturbund e.V. Altenburg (Hrsg.): Altenburger Geschichtsblätter Nr.7: Friedrich Barbarossa und Altenburg, Leipzig 1990, S.11-24

Sprenger, Friedrich: Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Türme von der Entstehung bis auf die neueste Zeit. In: Altenburger Zeitung für Stadt und Land. Nr 212. 1872, S. 1017-1019

Sprenger, Friedrich: Ueber die ehemalige Bergerklosterkirche zu Altenburg. In: Mitteilungen der Geschichts- und Alterthumsforschenden Gesellschaft, 1874, Band 7, S. 168-175